Archiv Koerle

Die Schule von Empfershausen

Spärliche Nachrichten aus der Anfangszeit

Ab welchem Jahr die Empfershäuser Kinder in einer Schule unterrichtet wurden, lässt sich nicht mehr genau feststellen. Um das Jahr 1740 gab es im Dorf noch kein Schulhaus. Allerdings wurden die Kinder von 6 – 10 Jahren in Empfershausen unterrichtet. Der Schulmeister „hielt die Schule“ – wie man früher zu sagen pflegte – wohl in seinem Wohnzimmer ab. Sicherlich war es ein Handwerker, der nur nebenberuflich als Lehrer wirkte. Dafür war seine „Besoldung“ auch sehr karg. Er bekam von jedem Kind jährlich nur 8 Albus und das benötigte Brennholz. Die Empfershäuser Kinder von 11 – 14 Jahren mussten nach Eiterhagen zur Schule gehen.

Um das Jahr 1760 erwarb die Gemeinde dann ein eigenes Schulhaus. Von diesem Zeitpunkt an konnten alle Empfershäuser Schüler im Dorf unterrichtet werden. Der Weg nach Eiterhagen entfiel. Wie vielerorts gab es in Empfershausen im Laufe der Geschichte mehrere Schulgebäude. Heute lässt es sich nicht mehr einwandfrei feststellen, wo das erste Schulhaus gestanden hat. Nach der Überlieferung soll sich noch um 1800 auf „Krassens Gnatz“ im Unterdorf ein Gebäude befunden haben, das zeitweise als Schule gedient hat. Unter Gnatz versteht man einen Boden von sandig kiesiger Beschaffenheit; als Krassens Gnatz bezeichnet man das Gelände, welches ungefähr hinter dem Haus Melsunger Straße Nr. 9 liegt, also hinter dem Haus, das heute noch von einer Familie Kraß bewohnt wird.

Man darf nicht den Fehler machen und sich die damaligen Schulhäuser nach unseren heutigen Ansprüchen vorstellen. Besonders in den kleineren Dörfern wurden, nachdem man sich zur Einrichtung einer Schule entschlossen hatte, oft alte, baufällige Bauernhäuser aufgekauft. In diese zog der Schulmeister ein und gab dort seinen Unterricht. Es war nicht ungewöhnlich, wenn ein Schullehrer in seinem eigenen Haus, den Unterricht erteilte. Dort konnte er besser seinem zweiten Beruf nachgehen, denn auf dem Dorf konnte er vom „Schule halten“ allein nicht leben.

Das erste Schulhaus war wohl sehr baufällig, denn von ihm fehlt jede Spur. Leider kann man davon ausgehen, dass auch das zweite Schulgebäude in keinem guten Bauzustand war, und nur eine ärmliche Ausstattung hatte. Nach der Überlieferung handelt es sich um das schon erwähnte Haus in der Melsunger Straße Nr.9. Das heute schmucke Fachwerkhaus war damals für den Unterricht völlig ungeeignet. Im Gemeindemanual von 1835 wird berichtet, das Schul- und Hirtenhaus sei so dürftig, dass der Beitrag für die Brandkasse nicht erhöht werden könne. Im Jahre 1838 forderte der Melsunger Landrat den Empfershäuser Greben in einer Verfügung auf, darüber zu berichten, ob endlich Pultbänke für die Schulstube gekauft worden seien und wenn nicht, warum das bis dato unterblieben wäre.

 

Schulmeister Mainz uns sein Streit mit dem Ortsvorstand

Damals waren die Gemeinden Schulträger. Gebäude, Unterrichtsmaterialien und sonstige Einrichtungen mussten voll aus der Gemeindekasse bezahlt werden. Da hatten die Schulmeister oft einen schweren Stand, wenn sie Geld für Anschaffungen oder Reparaturen haben wollten. Besonders schwer hatte es offensichtlich Lehrer Mainz, der in der Zeit von 1851 bis 1890 in Empfershausen als Schulmeister tätig war. Der folgende Originaltext zeigt, welche Schwierigkeiten er bekam, als er sich um Reparaturen am Schulhaus und um den Bau von „Ökonomieräumlichkeiten“ bemühte, so nannte man damals die Schulscheune mit Stallung. In der Schulchronik aus dem Jahre 1880 ist zu lesen:

„Den 22. September wurde meine Schule durch den Oberschulinspektor Herrn Pfarrer Schumann aus Crumbach visitiert (Crumbach ist heute ein Ortsteil von Lohfelden). Vom 27. September bis 18. October waren Herbstferien.

Den 7. October war der kgl. Landrath Freiherr von Richthofen von Melsungen hier im Schulhause, um die von dem Herrn Schulinspektor in seinem Visitationsberichte bezeichneten Mängel nachzusehen. Der selbe bestimmte, dass mehrere Reparaturen vorgenommen werden müssten. Dieses bekam mir als Schullehrer sehr übel. Ich wurde als Urheber, namentlich von den Herrn Bauern angesehen.“

Im Jahre 1881 notierte der Lehrer: “Am Sonntag Palmarum hatte der Ortsvorstand sämtliche Bewohner, d.h. die Männer, zur Sitzung versammelt und eine Vertreibungsschrift gegen mich verfasst und von 21 unterschreiben lassen, ja manchen sogar mit Gewalt dazu gezogen, weil ich die Beschaffung der notwendigen Ökonomieräumlichkeiten (Schulscheune) von Seiten der Gemeinde beim kgl. Schulvorstande beantragt hatte, da mir die bisherige gekündigt wurde. Den 24. Juli wurde Herrn Pfarrer Ruppel vom hiesigen Bürgermeister mitgeteilt, dass im Betreff der dem Lehrer zustehenden Räumlichkeiten ihm der Herr Landrath von Melsungen aufgegeben habe, sofort für die nötigen Ökonomieräumlichkeiten Sorge zu tragen, da es selbstverständlich sei, dass eine Familie auf dem Lande auch etwas Ökonomie treiben müsse. Unter dem 2. Juli hatte zwar der Ortsvorstand an das kgl. Landrathsamt geschrieben: Wir brauchen bei unserer kleinen Schule keinen Lehrer, der Ökonomie treibt, wir können einen jungen Lehrer gebrauchen! Sehr schön und löblich von einem Ortsvorstande gegen einen Lehrer, der schon 29 Jahre seine Kraft der Gemeinde gewidmet hat; und auch sehr dankbar von den Herren im Ausschuss, welche fast durchweg meine Schüler gewesen sind. Allein alle Widersetzlichkeit half nichts, die Gemeinde wurde gezwungen, ein Ökonomiegebäude herzustellen. Auch wurde von der vorgesetzten Behörde nicht gestattet, dass die Gemeinde, wie sie durchaus wollte, das Schulgärtchen verbauen durfte. Sie musste einen Bauplatz ankaufen. Diese geschah den 27. Dezember. Verfolgung und Tücke ist seitdem mein Los“.

Das umstrittene “Ökonomiegebäude“ ist im Jahre 1882 gebaut worden. Es kostete der Gemeinde damals 1.300 Mark. Das Geld musste als Darlehn aufgenommen werden. Ob der lange Streit zwischen einem verärgerten Lehrer und dem Gemeindevorstand dem Unterricht in der kleinen Schule sehr geschadet hat, geht aus den Akten nicht hervor, vorteilhaft war er für das Lernklima sicherlich nicht.

 

Die neue Schule wird gebaut

Als Lehrer Achler am 11. Dezember 1890 seinen Dienst in Empfershausen aufnahm, musste er noch in das alte Gebäude einziehen. Der Gemeindevorstand hatte ihm bei seinem Dienstantritt in Aussicht gestellt, dass bald ein Neubau erfolgen werde. Im Jahre 1898 notierte er offensichtlich verärgert:

„Der Schulneubau, welcher schon seit 1888 in der Schwebe ist, ist bis heute noch nicht vollendet, da doch das alte Haus im höchsten Maße mangelhaft ist. Die Gemeinde bewirbt sich um eine Unterstützung vom Staate und der selbe hat kein Geld“! Die Zeiten haben sich in diesem Punkt seitdem wohl nicht geändert. Im Frühjahr des Jahres 1899 begann man dann schließlich mit dem Bau der neuen Schule. Den Auftrag erhielt Maurermeister Kramm aus Guxhagen. Anscheinend war die Situation in der Bauwirtschaft damals ähnlich wie heute, denn Lehrer Achler notierte besorgt: „Er ging 18% unter den Kostenanschlag, ob er bestehen kann mit diesem niedrigen Preise und den hohen Arbeitslöhnen?“

Rechtzeitig zum Beginn des neuen Jahrhunderts konnten die 24 Schülerinnen und Schüler zusammen mit der Lehrerfamilie die schönen neuen Räume beziehen. Der Bau war noch im Dezember fertiggestellt worden. Für Empfershausen war dies das dritte Schulhaus im Dorf. Nach Lage der Dinge wird es wohl auch das letzte sein. Es diente als Schulhaus und Lehrerwohnung bis zur Auflösung der Empfershäuser Schule im Jahre 1967. Nach einem Umbau und Sanierungsmaßnahmen wird es heute als Wohnhaus (Melsunger Str. Nr. 11) genutzt und befindet sich in Privatbesitz.

 

Die letzten Jahre der Empfershäuser Schule

Lehrer Markolf verwaltete die Schulstelle bis zum April 1958. Sein Nachfolger wurde der am 5.11.1933 in Friedewald geborene Reinhold Nieding. Nach dem Abitur hatte er am Pädagogischen Institut in Weilburg studiert. Empfershausen war seine erste Lehrerstelle. Er brachte sich, wie man zu sagen pflegt, nach seinem Dienstantritt sogleich voll im Dorf ein. Neben seinem Engagement als Lehrer entwickelte er im Dorf zahlreiche Initiativen. Er selbst schrieb über seine Zeit in Empfershausen:

„Hier wäre einmal aufzuzählen was Unterzeichneter (R.Nieding) so neben seiner Schularbeit in der Gemeinde tut: 1. Organist und Lektor, 2. Chorleiter, 3. Zweiter Vorsitzender des CCE 1960, 4. Schwimmlehrer am Grünen See, 5.Leiter der Volkshochschulabende, 6. Kirchenvorstandsmitglied, 7. Trainingsleiter des Tuspo 1904 Eiterhagen, 8. Fotograf für das Bildarchiv der Gemeinde. Nach 6 Jahren Arbeit in Schule und Gemeinde Empfershausen kann ich sagen, dass die Arbeit segensreich war. Die Anerkennung seitens der Bevölkerung gegenüber dem Lehrer ist groß. Durch Arbeit, Fleiß, Freundlichkeit zu jedermann und Leistung stehe ich im hohen Ansehen im Dorfe. Diese Bemerkung möge nicht als Eigenlob aufgefasst werden, sondern als geschichtliche Anmerkung zum Lehrerstand im 20. Jahrhundert auf dem Lande.“

Nieding war zeitweise auch Mitglied der Gemeindevertretung. Nach der Schließung der Empfershäuser Schule wurde R. Nieding mit seinem Einverständnis zum 1. September 1967 als Realschullehrer an die damalige Volks- und Realschule Melsungen versetzt.

Verfasst von:
Heinz Rüdiger
1929 - 2019


Dieser Beitrag wurde eingestellt von: John-Mikel Reitzig
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