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Körler Heimatdichter Wilhelm Pfeiffer

Wilhelm Pfeiffer, der Körler Heimatdichter

verfasst von Heinz Rüdiger

 

„Blind sein wurde mir zum Segen“, schrieb Wilhelm Pfeiffer in seinen späten Lebensjahren.

Eine Äußerung, die für Außenstehende schwer nachvollziehbar ist, wenn man seine Lebensgeschichte nicht kennt.

 

Geboren wurde Wilhelm Pfeiffer am 12. November 1904. Das Elternhaus steht in Körle in einem Teil des Ortes, den man früher
„In der Ecke“ nannte, heute Wilhelm-Pfeiffer-Weg 14. Sein Großvater, Adam Pfeiffer, ein Bauernsohn, war aus dem ehemaligen Kreis Rotenburg  nach Körle gezogen und hatte das Haus nebst einem großen Garten erworben. Der Vater, Heinrich Pfeiffer, kaufte einige Morgen Land hinzu und ließ bei dem Wohnhaus ein Gebäude mit Scheune und Stallung errichten. Heinrich Pfeiffer war Maler und Weißbinder; die kleine Landwirtschaft wurde im Nebenerwerb betrieben.

 

Im sechsten Lebensjahr erblindete der kleine Wilhelm an den Folgen einer Masernerkrankung. Zu der damaligen Zeit waren Begriffe wie „Soziales Netz“ unbekannt. Für einen schwerbehinderten jungen Menschen war daher die Zukunft voller Ungewissheit, ja geradezu aussichtslos. Deshalb kann man es als Glücksfall bezeichnen, dass ein Erlass der damaligen preussischen Regierung anordnete, dass alle erblindeten Kinder eine Schule besuchen mussten. Der achtjährige Wilhelm war daher gezwungen, sein Elternhaus zu verlassen; um die Blindenschule mit Internat in Frankfurt am Main zu besuchen. Natürlich war der Umzug vom Land in die Großstadt nur schwer zu verkraften, und das Heimweh plagte ihn sehr.

Mit der Zeit fügte er sich jedoch in sein Schicksal, zumal alle Mitschüler das gleiche Leiden zu erdulden hatten und in guter Kameradschaft miteinander lebten. Auch hatte er gute und verständnisvolle Lehrer. Eine treue Freundschaft entwickelte sich besonders zu einem Mitschüler, zu dem auch über die Schulzeit hinaus enge Bindungen bestanden. Bei dessen Tod schrieb Wilhelm Pfeiffer folgende Zeilen:

„Als blinde Kinder sind wir uns begegnet

zu Frankfurt in der Anstalt. -  Beispielhaft

war unsere Ausbildung, von Gott gesegnet,

bei fortschrittlich idealer Lehrerschaft.

Georg, der Ältere von uns beiden,

stand mir zur Seite stets mit Herzlichkeit;

half mir, trotz eigener Not und Schwierigkeiten,

treu, bis zum Ende seiner Erdenzeit.“

 

Die Kameradschaft zwischen den Mitschülern und eine verständnisvolle Betreuung durch die Lehrer und Lehrerinnen machten - trotz aller Beschwerlichkeiten - die Zeit in Frankfurt einigermaßen erträglich. Bis zu seinem Lebensende sprach Wilhelm Pfeiffer mit Hochachtung, ja geradezu voller Liebe, von seinen Frankfurter Lehrern und Erziehern.

 

Die Lernziele der Blindenanstalt unterscheiden sich nicht wesentlich von den Lernzielen der Schulen, die von sehenden Kindern besucht werden. Eine wichtige Grundlage für den Wissenserwerb ist allerdings das Erlernen der Blindenschrift. Das setzt im wahrsten Sinne des Wortes viel Fingerspitzengefühl voraus. Die von den Franzosen Ch. Barbier und L. Braille erfundene bzw. weiterentwickelte Schrift wird mit den Fingern abgetastet.

Die Punkte werden mit Hilfe eines Griffels und einer Schablone in festes Papier gedrückt, so dass der „Leser“ die erhabenen Stellen abtasten bzw. fühlen kann.

 

Ein Schwerpunkt der schulischen Erziehung in Frankfurt war die Vermittlung des europäischen Kulturgutes. Man ging von der Erwartung aus, dass die jungen, erblindeten Menschen ihr Leben besser meistern können, wenn sie für die Literatur und Musik aufgeschlossen sind. So konnte zum Beispiel Wilhelm Pfeiffer, als er nach dem Schulbesuch wieder in Körle lebte, auf dem Postwege viele Bücher, sowohl Romane als auch Schriften zu Sachthemen, aus der Marburger Blindenbibliothek ausleihen.

Weiterhin hatte sich die Schule zur Aufgabe gesetzt, die Schüler in einem Beruf auszubilden, der den blinden Menschen im Leben einen gewissen Unterhalt sichern konnte. In Anbetracht seiner ländlichen Heimat erlernte Wilhelm das Korb- und Stuhlflechten. Später in Körle bildete er sich zusätzlich zum Bürstenmacher aus.

Wilhelm Pfeiffer erreichte in allen Fächern gute Leistungen, die ihn zum Besuch einer weiterführenden Bildungseinrichtung befähigt hätten. So wollte ihn der Leiter der Anstalt gern zum Blindenlehrer ausbilden lassen. Wilhelm lehnte jedoch ab. Seine Eltern hätten nur

mit größten Mühen die Kosten tragen können. Bafög oder ähnliche Hilfen zur Begabtenförderung kannte man damals nicht.

 

Im Jahre 1923, im Alter von 19 Jahren, kehrte Wilhelm in sein Elternhaus zurück. Hier wurde er wieder liebevoll aufgenommen. Dennoch begannen für ihn die schwersten Jahre seines Lebens. Von einem zum anderen Tag fehlten die Freunde, die Leidensgenossen, mit denen er in den letzten Jahren Freude und Leid geteilt hatte, in deren Gesellschaft er den ganzen Tag über Unterhaltung und auch Anerkennung fand.

Ein Jahr zuvor, im Mai 1922, war die Familie Pfeiffer von einem harten Schicksalsschlag getroffen worden, unter dem auch Wilhelm lange Zeit litt. Catharina, eine der Schwestern Wilhelms hatte man an der Fulda tot aufgefunden. Die Neunzehnjährige war ermordet worden. Das Verbrechen konnte nie aufgeklärt werden.

Im Elternhaus wurde eine Stube als Werkstatt eingerichtet. Wilhelm Pfeiffer war jetzt selbständiger Handwerker. Jedoch, es war das Jahr 1923, ein Jahr in dem die Inflation in Deutschland die größte Not zur Folge hatte. Für eine Existenzgründung die ungünstigste Zeit. Der junge Mann war in Frankfurt herangewachsen, ins Dorf gab es kaum Verbindung. Deshalb bemühten sich seine Eltern und die Geschwister, die ersten Aufträge hereinzuholen.

Viel schwieriger als der Start in das Berufsleben war jedoch die Umstellung vom behüteten Leben und der vertrauten Gemeinschaft in der Frankfurter Schule zur Lebenswirklichkeit in Körle. Es kamen die Jahre über die er in seinem späteren Leben nicht gern gesprochen hat. Da saß er nun in seiner Werkstatt, oft lange Stunden allein. Kontakt nur mit seinen Angehörigen, die auch ihrer Arbeit nachgehen mussten. Die jungen Leute im Dorf hatten andere Interessen, als ihn in seiner Werkstatt zu besuchen. Er selbst konnte das Haus jedoch nur in Begleitung verlassen. Jetzt erst wurde ihm das Bedrückende seiner Situation ganz bewusst. Er begann mit seinem Schicksal zu hadern. Ihn quälten damals die Fragen, wie sie uns aus der Geschichte des biblischen Hiob bekannt sind. Mit sich und der Welt unzufrieden, ließ er nicht selten auch seine Umgebung seine Verzweiflung spüren.

 

 

Ein kleines Detektorradio verhalf ihm damals zu einem besseren Kontakt mit Gleichaltrigen im Dorf. Im hohen Alter schrieb er selbst über dieses Ereignis:

 

1925, wie war ich doch so froh,

erhielt ich einst als Blinder

mein erstes Radio!

Wie `ne Zigarrenschachtel,

groß war`s nicht, in der Tat,

 

`s war ein damals beliebter

Detektorapparat.

 

Beim Kästchen mit Kopfhörer

saß ich im Kämmerlein.

Nach großer Einsamkeit trat endlich

bei mir die Wende ein.

 

Mein Radio war das vierte

damals in Körle hier,

drum hörten oftmals Leute

gerne Rundfunk bei mir.

 

War schwach auch zu empfangen

der Sender Kassel nur,

ich hatte Glück, Erbauung,

und Stimmungskonjunktur.

 

Das vierte Radio in Körle, das machte neugierig, das musste man doch kennen lernen! Aus den Besuchen, die anfangs gewiss nur dem damaligen kleinen, primitiven Detektorradio zu verdanken waren, entwickelten sich einige Freundschaften, die endlich den Kontakt zur Dorfbevölkerung ermöglichten.

 

In diesen Jahren schrieb Wilhelm Pfeiffer die ersten Gedichte. Seinen aller ersten Schritt vor ein Publikum wagte er als Zweiundzwanzigjähriger anlässlich der Silberhochzeit seiner Eltern. Das positive Echo, das ihm entgegenschlug, ermutigte ihn zu weiteren Vorträgen vor einem Publikum. Den ersten großen Auftritt in der Öffentlichkeit hatte er bei einem Sängerfest im Jahre 1929. Das war der eigentliche Start seiner dichterischen Laufbahn.

Eines seiner bekanntesten Gedichte im Körler Dialekt entstand ebenfalls schon in 1929: „Der Körler Esel und der Bartenwetzer“.

 

Wilhelm hatte inzwischen ein Alter erreicht, in dem junge Menschen ans Heiraten denken. Wenn er in Körle in seinem Elternhaus weiterhin leben wollte, war es dringend angeraten, eine eheliche Verbindung einzugehen. Nachdem sein Vater im Jahre 1935 gestorben war, versorgte ihn allein seine Mutter. Aber welche junge Frau in der näheren Umgebung war schon bereit, einen blinden Korbmacher zu heiraten, dessen Vermögen nur aus einem Wohnhaus und einigen Morgen Land bestand? Nach Beratungen mit seinen Verwandten entschloss sich Wilhelm in einer überregionalen Wochenzeitung eine Heiratsanzeige aufzugeben. Schon bald trafen einige Zuschriften ein. Der „Familienrat“ wählte eine junge Freiburgerin (Breisgau) aus. Elli N. fand sich auch sehr bald in Körle ein und brachte Leben ins Haus. Eine fröhliche, lebenslustige Person, die - wie sie angab – ohne Anhang war und gut für ihren Wilhelm sorgen wollte. Als sie nach einigen Wochen nur auf Kosten des Hauses gelebt hatte und sich auf eine Hochzeit nicht festlegen wollte, wurden die Angehörigen misstrauisch und erkundigten sich in Freiburg. Es stellte sich heraus, dass Elli, wie es hieß, kein unbeschriebenes Blatt sei, und dass sie zwei Kinder bei ihren Eltern in Freiburg zurückgelassen habe. Dass er als blinder Mann von einem fremden Menschen so schändlich hintergangen worden war, traf ihn besonders schwer.

Erst nach mehreren Jahren wagte Wilhelm einen erneuten Versuch, den Kontakt zu einer heiratswilligen Frau aufzunehmen. Über einen „Frechesmann“ (einen Freiersmann) kam es zu einer Verbindung mit einer jungen Frau aus Hebel, die als Hilfskraft im Haushalt und in der Landwirtschaft in Falkenberg beschäftigt war. Am 21. Mai 1943 heiratete Wilhelm die Anna Malkus. Annchen, wie die junge Frau allgemein genannt wurde, war damals 33 Jahre alt.

Die Sorge um die Zukunft schien gebannt zu sein. Doch das Glück sollte nicht lange währen. Schon bald traf den blinden Heimatdichter erneut ein schwerer Schicksalsschlag. Nach siebenjähriger Ehe, am 20. Oktober 1950, starb Annchen Pfeiffer völlig überraschend an Herzversagen.

 

In Trauer und Schmerz mischte sich nun wieder die Sorge um die Zukunft. Die Mutter, mit der Wilhelm Pfeiffer allein im Haushalt lebte, war mittlerweile 72 Jahre alt. Nach Ablauf des Trauerjahres dachte Wilhelm daher erneut an eine eheliche Verbindung. Wiederum fand sich im näheren Bereich keine Frau, die mit dem blinden Mann eine Ehe eingehen wollte. So wagte man erneut die Suche mit einer Anzeige in einer überregionalen Zeitung. Es gab auch einige Zuschriften. Auf eine Frau aus dem Dorfe Unfinden in Unterfranken fiel schließlich die engere Wahl. Jetzt wollte Wilhelm Pfeiffer aber nicht, wie im Falle der Freiburgerin, ein großes Risiko eingehen. Ein damaliger Freund Pfeiffers, Chrisian Lunge, und zwei Männer aus der näheren Verwandtschaft fuhren deshalb nach Unfinden, um sich ein Bild zu machen. Marie Schwappacher, so hieß die Ehekandidatin, war Wirtin, sie betrieb mit ihrer Mutter und einem ihrer Brüder eine Gastwirtschaft, zu der auch ein Hof mit fünfzig Morgen Land gehörte.

Die Körler kamen mit einem positiven Eindruck zurück und so stand einer Hochzeit nichts mehr im Weg. Diese fand am 20. November 1952 statt.

Marie Pfeiffer war in ihrer Art völlig anders als die erste Frau des Heimatdichters. Sie selbst schrieb über ihr Leben aus Unfinden: „Früher, als es meine Zeit noch erlaubte, las ich gerne ein gutes Buch. Radio und Zeitschriften ersetzen mir Kino und Tanz. Nach Gesellschaft und lautem Treiben verlangte es mich nie.“ So wollte sie auch in Körle leben. Sie mied es, mit ihrem Mann auszugehen, oder an den vielen Festlichkeiten teilzunehmen, zu denen der Heimatdichter geladen war. Für ihren Wilhelm sorgte sie gut und interessierte sich sehr für seine Tätigkeit als Heimatdichter. An den Gesprächen mit den Besuchern nahm sie mit großem Interesse teil.

 

In seinem Beruf gab es für Wilhelm Pfeiffer viel zu tun. Während anfangs der Schwerpunkt seiner Arbeit beim Korbflechten lag, besonders während des zweiten Weltkrieges gab es auch viele Korbreparaturen, so beschäftigte er sich nach dem Krieg hauptsächlich mit dem Bürstenmachen. Das Korbflechten war für den blinden Handwerker sehr beschwerlich. Die Weiden mussten oft von weither bezogen werden. Vor dem Verarbeiten wurden sie dann aufbereitet und schließlich war die eigentliche Flechtarbeit für einen Menschen, der sein Augenlicht verloren hat, nicht gerade leicht. Gelegentlich war auch ein Stuhl zu flechten.

 

Erst in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg begannen die Jahre, auf die der Heimatdichter in seinem hohen Alter mit Dankbarkeit zurückblickte. Er hatte sich mit seinem Leiden abgefunden. Im Haus, im Garten und in dem Bereich um das Wohnhaus hatte er eine gewisse Sicherheit erlangt, die es ihm ermöglichte, sich ohne Begleiter zu bewegen. Auf den Wegen ins Dorf und bei den Spaziergängen in der Körler Gemarkung, die er sehr liebte, konnte er allerdings nicht ohne eine Begleitung gehen. Den Versuch, mit Hilfe eines Blindenhundes mehr Unabhängigkeit zu erlangen, musste er nach kurzer Zeit wieder abbrechen. Bei einem Gang durch das Dorf wusste er stets, wo er sich befand. „Ich sehe mit den Ohren“, erklärte er. Tatsächlich war sein Gehör, wie bei vielen Blinden, besonders gut trainiert. Viele Menschen erkannte er oft schon an ihrem Gang und natürlich erkannte er die Stimme zahlreicher ihm vertrauter Mitmenschen.. Gar nicht mochte er es allerdings, wenn Leute aus seinem entfernteren Bekanntenkreis ihn mit der Frage begrüßten: „Willem, wer bin ich denn ?“ und auf seine Antwort womöglich noch laut verkündeten: „Seht ihr! Er hat mich erkannt!“

 

Mit dem zunehmden Erfolg wuchs auch die Zahl seiner „Freunde“!  Hatten ihm bisher bei notwendigen Arbeiten in und um sein Haus – von wenigen Ausnahmen abgesehen - nur Verwandte geholfen, fanden sich nun unter den vielen Freunden und Bekannten auch einige uneigennützige Helfer. So zum Beispiel Karl Mainz und Christoph Schröder, die unter anderem sein geliebtes Gartenhaus errichteten und den Weg dorthin sicher ausbauten. Dieses Holzhäuschen wurde zu seinem Lieblingsplatz.

Wann immer das Wetter es erlaubte, hielt er sich hier auf. Er selbst schrieb darüber in einem Gedicht, das nachfolgend in gekürzter Form wiedergegeben wird:

 

 

Auf einem kleinen Hügel,

die „Wilhelmshöh“ genannt,

steht unser Gartenhäuschen,

wo manchen Reim ich fand.

 

Erholungsheim mir wurde

das Häuschen, das mir lieb.

Hab` Sonne dort im Herzen,

ist auch der Tag recht trüb.

 

Verkehrslärm niemals stört mich

dort im Naturgebiet.

Mir singen Fink und Amsel

ihr Lenz- und Sommerlied.

 

Der Ton der Heimatglocken

so nah und traut mir klingt

und mir, das Herz erquickend,

Andacht und Frieden bringt.

 

Dass der Heimatdichter ein musischer Mensch war, zeigte sich unter anderem darin, dass er mehrere Instrumente spielte. In seinen jungen Jahren blies er Trompete, auch spielte er gelegentlich auf der Zither. Im Schulorchester der Frankfurter Blindenanstalt hatte Wilhelm als Trompeter mitgewirkt. Als Trompeter spielte er auch in einer Tanzkapelle der Schule die Trompete. Während seiner Frankfurter Schulzeit spielte diese Kapelle in den Sommerferien sogar einige Male in Körle zum Tanz auf. Das mag manchem höchst ungewöhnlich erscheinen; doch muss man bedenken, dass in den Notjahren nach dem Ersten Weltkrieg den jungen Leuten eine Fahrt aufs Land mit kostenfreier Unterbringung auf einem Bauernhof sehr willkommen war. In den späteren Jahren bevorzugte Wilhelm das Klavier.

 

Das Schachspiel war für ihn ebenfalls ein beliebter Zeitvertreib; wobei es seine Partner nicht leicht hatten, wenn sie gewinnen wollten. Die Schachfiguren hatten am Fuß einen Stift mit dessen Hilfe man sie in das Brett stecken konnte; ähnlich den heutigen Reisespielen hatten die Figuren daher einen festen Sitz und konnten abgetastet werden. Zu dieser Zeit pflegte er einen engen Kontakt zu Mitgliedern des Körler Schachklubs.

 

In den Jahren nach 1950 gab es in Körle nur wenige Familien- oder Vereinsfeiern zu denen Wilhelm Pfeiffer keinen Beitrag leistete. Oft wurde er geradezu bedrängt, ein „Gedicht“ zu schreiben. Die Veranstalter erzählten ihm von ihrem Vorhaben, charakterisierten die eingeladenen Gäste und erwähnten besondere Ereignisse. Der Heimatdichter machte sich Notizen in Blindenschrift. Dann ging er daran, das Gehörte in humorvolle Reime zu fassen. Das Ergebnis schrieb er auf seiner Schreibmaschine, damit jeder den Text lesen konnte. In den meisten Fällen wurde er zu den Festen eingeladen. Neben dem „Auftragswerk“ trug er bei solchen Feiern und Festen auch seine Dialektgedichte vor. Das Schreiben der vielen Gelegenheitstexte in der Form einer „Bierzeitung“, die man speziell für diese Anlässe bei ihm bestellte, wurde ihm oft zu viel. Lieber hätte er die Zeit genutzt, um seine bewährten Dialektgedichte zu formulieren. Jedoch machte ihn dieses Wirken in der Öffentlichkeit immer populärer. Er wurde Ehrenmitglied fast aller Körler Vereine. Auch auswärtige Vereine pflegten enge Kontakte zu ihm und nahmen ihn als Ehrenmitglied auf. Besondere Freundschaft pflegte er zu den Gesangvereinen in Schwarzenberg und Hesslar. Am engsten verbunden über die Jahrzehnte war er mit dem Körler Gesangverein. Die Sängerinnen und Sänger führten daher auch ein Heimatspiel auf, das Pfeiffer anlässlich der 900 Jahrfeier in Körle verfasst hatte. Das Schauspiel „Die Magd von Körle“ stellt in phantasievoller Weise die Ereignisse um den Tod des „Körler Esels“ dar und spiegelt trefflich das Leben im Dorf im vergangenen Jahrhundert wider. Wegen des großen Erfolges musste das Festspiel mehrere Male aufgeführt werden.

 

Um 1960 hatte der Kasseler Studienrat Römhild den Körler Heimatdichter kennen gelernt. Er zeigte sich interessiert, die bekanntesten Gedichte zu veröffentlichen. Allerdings strebte er an, dass damit auch alle Rechte an ihn übergehen sollten. Der damalige Leiter der Körler Raiffeisenbank Johann Routschka war bereit, den Druck des Buches vorzufinanzieren, auch führte er die Verhandlungen mit Römhild. Dieser zeigte sich schließlich mit einer Kostenerstattung einverstanden. Die graphische Ausgestaltung des Büchleins übernahm der in Körle geborene Helmut Metz. Und somit konnte der erste Band der Wilhelm Pfeiffer – Gedichte im Jahre 1964 unter dem Titel: „ Der gelöffelte Frühschoppen - Heitere Mundartgedichte“ erscheinen. Der blinde Heimatdichter war überglücklich. Schon bald nach der Fertigstellung war dieser Gedichtband vergriffen.

Angespornt durch die positive Entwicklung engagierte sich ein Freundeskreis für die Herausgabe eines weiteren Gedichtbandes. Federführend in diesem Kreis waren Helmut Jacob und Heinz Rüdiger. Zusammen mit W. Pfeiffer wählten sie die Gedichte aus und bereiteten den Druck vor. Wieder war die Körler Raiffeisenbank zu einer Vorfinanzierung bereit. Die graphische Gestaltung übernahm H. Freudenstein. Dieser zweite Band erschien im Jahre 1971 mit dem Titel: „Lachen ist gesund“. Einen dritten Band „Heiteres und Besinnliches“, gab der Freundeskreis schließlich im Jahre 1981 heraus. Wie die vorhergehenden, war auch dieses Büchlein schnell vergriffen.

Pfarrer Dieter Otto, der sich um die Erhaltung unserer nordhessischen Mundart sehr verdient macht, war schließlich auch auf den Körler Heimatdichter aufmerksam geworden.

Seine Begegnungen mit Wilhelm Pfeiffer schildert er unter anderem in dem von ihm herausgegebenen Buch „Die Empferschhieser Schatzpartie – Geschichten aus Nordhessen“.

 

Unter den vielen Ehrungen, die dem Körler Heimatdichter in den letzten Jahrzehnten seines Lebens zuteil wurden, gab es zwei Höhepunkte. Im Jahre 1963 wurde er zum Ehrenbürger der Gemeinde Körle ernannt. Diese Würdigung erfuhr neben ihm bisher nur Dr. Konrad Jacob, der ehemalige Präsident der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft. Anlässlich des 85. Geburtstages im Jahre 1989 wurde in Körle die Straße, in der das Geburts- und Wohnhaus des Heimatdichters steht, in „Wilhelm-Pfeiffer-Weg“ umbenannt.

 

Mit dem Alter kamen auch für das Ehepaar Pfeiffer die Beschwerden. Im Jahre 1990 erlitt Marie Pfeiffer einen Schlaganfall, von dem sie sich leider nie mehr erholen konnte. Sie starb im April 1993. Wilhelm Pfeiffer überlebte sie nur wenige Monate. Am
22. Dezember 1993 ereilte auch ihn der Tod.

 

Da Pfeiffers kinderlos waren, hatten sie sich im zunehmenden Alter große Sorgen gemacht, wer sie einmal pflegen sollte. Sie wollten keinesfalls in ein Alten- und Pflegeheim ziehen, zumal das für den blinden Wilhelm Pfeiffer eine zu große Umgewöhnung erforderlich gemacht hätte. Eine Lösung ergab sich nach Gesprächen mit dem damaligen Körler Bürgermeister Ochs. Der Heimatdichter überließ nach seinem Tode sein gesamtes Vermögen der Gemeinde Körle als Erbe. Dafür sicherte der Gemeindevorstand zu, die Eheleute bis an ihr Lebensende in ihrem Haus zu versorgen und später auch die Grabpflege zu übernehmen.

 

Hilfe bekamen Pfeiffers durch Frauen aus der Nachbarschaft, besonders aber auch durch das Ehepaar Assmann, das durch die langjährige aktive Mitgliedschaft im DRK im Umgang mit alten und kranken Menschen große Erfahrung hatte. Als eine aufwendigere Pflege notwendig wurde, stellte die Gemeinde eine Pflegerin ein.

 

Das Wohnhaus Wilhelm Pfeiffers wurde nach seinem Tode verkauft. Sein Erbe floss in eine sogenannte „unselbständige Stiftung“. Aus dem Zinserlös dieser Stiftung kann der Gemeindevorstand jährlich Geld an Körler Vereine vergeben. Dieses Geld soll vorrangig der Erhaltung der Mundart dienen, auch sollen durch Zuschüsse Aktivitäten im musikalischen, kulturellen und sportlichen Bereich gefördert werden.

 

Wilhelm Pfeiffer verlor trotz seines Leidens und schwerer Schicksalsschläge nie seinen tiefen christlichen Glauben. Er hat ein Beispiel gegeben, wie Behinderte trotz aller Erschwernisse ihr Leben meistern können. Große Verdienste hat er sich um die Erhaltung des heimatlichen Dialektes erworben. Seine humorvollen und besinnlichen Gedichte bereiten auch heute noch vielen Menschen Freude und geben manchem Erbauung und Zuversicht. Am Ende seines Lebens schrieb er aus tiefer Überzeugung das folgende Gedicht:

 

Mein Dank in später Stunde

 

Schon als Kind, vergeß` es nicht,

ich verlor mein Augenlicht.

Dunkel lag der Weg vor mir;

und verschlossen war manch` Tür.

Durch das Hoffnungslicht, welch Freude,

das mir leuchtet auch noch heute,

fand, trotz tiefer Dunkelheit,

ich den Weg zur Fröhlichkeit.

 

Kam auch noch manch Hindernis,

ist dies eine doch gewiss:

Unserm Herrn, der alles lenkt,

Segen und Gesundheit schenkt,

meinen Eltern und – welch Freude –

meiner lieben Frau zur Seite,

Mitbürgern vom Heimatort,

die mit Liebe, Tat und Wort

standen hilfreich mir zur Seite,

die mir helfen auch noch heute,

blinden Freunden und auch Seh`nden,

die das Leben mir verschönten,

meinen Lehrern, die für` s Leben

mir das Rüstzeug mitgegeben,

die mich wussten zu begeistern,

nun das Leben selbst zu meistern,

hab in meinen  „alten Tagen“

ich von Herzen Dank zu sagen.


Dieser Beitrag wurde eingestellt von: John-Mikel Reitzig

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