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Ein Lobenhäuser Original - Heinrich Landgrebe

Die folgende Erzählung wurde erstmals im "Handbuch des Kreises Melsungen" 1952 veröffentlicht. Die Person, von der der Maler K.H. Hill so begeistert berichtet, ist der am 18. Juli 1874 in Lobenhausen geborene Heinrich Landgrebe. Sein Vater war der Brunnenmacher Martin Landgrebe. Dieser Martin Landgrebe ist in Grebenau als Sohn des dortigen Schneiders Johannes Landgrebe geboren und hat auch in Grebenau längere Zeit gewohnt. Als sein erste Frau starb, heiratete er die wesentlich jüngere Katharina Elisabeth Jacob, die Eigentümerin des Hauses Nr. 18 in Lobenhausen (das heute bekannte "Landgrebe Haus"). Aus dieser Ehe ging als erstes Kind der "Held" dieser Erzählung, Heinrich Landgrebe, hervor. Was hier berichtet wird, scheint eine echte Mischung aus Dichtung und Wahrheit zu sein.

Heinrich Landgrebe hat als Beruf nach den vorliegenden Akten Gärtner, Arbeiter und später vor allem "Musikus" angegeben. Er starb am 3. Dezember 1951 in Lobenhausen und wurde dort auch auf dem Friedhof beigesetzt.

Freund Zufall als Platzanweiser

Der sogenannte "Zufall" geht mit der Zeit um, wie es ihm beliebt. Während er oft plötzlich in Erscheinung tritt, läßt er uns manchmal jahrelang warten, bis er sich zu erkennen gibt.

Da traf ich z.B. im April 1940 am Bahnhof Wilhelmshöhe zufällig einen Straenmusikanten, der mir als Modell geeignet schien. "Was verdienen Sie so in der Stunde?" sprach ich ihn an. "Warum?" stellte er etwas erstaunt als Gegenfrage. "Nun, ich möchte Sie gern einmal malen und Sie für Ihren Verdienstausfall entsprechend entschädigen", sagte ich.

"Malen, das kostet nichts", erklärte er daraufhin lächelnd, "ich kann mich ja dabei auch einmal etwas ausruhen; vielleicht haben Sie eine Pfeife Tabak für mich." "Habe ich", konnte ich ihm erfreulicherweise versichern. Und so gingen wir selbander zu meinem naheliegenden Heim.

Unterwegs erzählte er mir, daß er "Vergnügungsmusikant" sei, d. h. den Fiedelbogen nur aus Freude an der Musik schwinge, und daß er sein Publikum - biblisch gesprochen - an den "Hecken und Zäunen" suche und finde. Der Erlös decke seine Ausgaben, und so habe er sein Vergnügen umsonst.

In meiner Wohnung angelangt, bot ich ihm einen Stuhl an und meinen Tabakskasten, aus dem er dann auch gleich sein Pfeifchen gemächlich fütterte. Während ich mein Malzeug zurechtlegte, beobachtete ich scharf jede seiner Bewegungen und versuchte dabei, erst einmal seine Persönlichkeit zu erfassen. Dann mußte ich mit mir über die Gestaltung des Bildes einig werden. Es war ja zu verlockend, den Musikus mit der Fiedel darzustellen, aber der prachtvolle, von weißem Vollbart umrahme hessische Bauernkopf bestimmte mich doch, auf die musikalische Note zu verzichten.

Inzwischen hatte sich mein Gast erhoben und ging schmauchend, ohne ein Wort zu sagen - immer an der Wand lang - von einem Gemälde zum anderen. Ich freute mich im stillen, wieder einmal einem begegnet zu sein, der nicht nur gucken oder sehen, sondern der sogar Bilder anschauen konnte; ein recht seltener Fall.

Diese Freude aber wurde noch erhöht, als er dann nach einer Weile sagte: "Sehr schön!" - Dieses schlichte "Sehr schön" war wohl der beste Beitrag, den er mir zum Gelingen meines Bildes liefern konnte. Dann setzte er sich in "Positur" und war nicht wenig erstaunt, als ich ihn aufforderte, ruhig weiterzurauchen und mir zwischendurch etwas aus seinem Leben zu erzählen, was er denn auch bereitwillig tat. Die Liebe zur Musik, berichtete er, wäre in seiner Familie erblich. Er selbst habe sie von seinen Vorfahren übernommen, und auch seine sieben Söhne seien alle musikalisch veranlagt. Einer davon habe es sogar zum Musikdirektor gebracht. Von Haus aus sei er Bauer, habe aber als junger Bursche in der Hofgärtnerei droben in Wilhelmshöhe gearbeitet und damals mit hohen und höchsten Herrschaften in Verkehr gestanden. Wenn er z. B. die Wege zu kehren hatte, sei er von den Kaiserlichen und Königlichen Hoheiten recht oft angesprochen worden, und er habe ihnen auch immer gern Audienz erteilt.

Das alles malte ich nun schleunigst in das Bild hinein und in kaum 20 Minuten war es fertig.

"Das ist ja die reinste Hexerei!" wunderte sich der Alte. Dann aber betrachtete er eine Weile schweigend sein Porträt und sagte schließlich wieder nur: "Sehr schön." Mehr wollte ich gar nicht wissen - aber er. "Kann ich das Bild nun gleich mitnehmen?" erkunigte er sich, indem ihm der Schalk aus den Augen blitzte. "Gewiß", erwiderte ich, "wenn es Ihnen so viel wert ist wie mir." "Es war ja Spaß", schmunzelte er, "aber vielleicht darf ich´s mir ab und zu einmal ansehen." "Das wäre mir sogar eine rechte Freude", erklärte ich ihm, und mit vielem "Bedankemich" für das Päckchen Tabak, das ich ihm noch zusteckte, zog der Alte befriedigt von dannen. Erst nachträglich fiel mir ein, daß wir ganz vergessen hatten, uns gegenseitig vorzustellen, und so kannte ich weder den Namen noch den Wohnort meines Modells.

Zehn Jahre gingen ins Land, der Krieg lag dazwischen, mein Heim wurde von einer 20-Zentnerbombe vernichtet, und nur ein Weniges unserer Habe, das wir vorher in Sicherheit gebracht hatten, blieb uns ehalten, darunter jenes Bild.

Als ich nun Pfingsten 1950 die Bilder zu meiner Ausstellung "Rund um den Heiligenberg" zusammenstellte, hatte ich wohl die passenden Landschaften, Tierbilder, Stilleben und Genrebilder beieinander, aber ein Bildnis fehlte mir, das den Forderungen entsprach, die daran zu stellen waren. Es müßte ein Bauernkopf aus der Heiligenbergrunde sein, dachte ich bei mir, und am besten ein den Leuten bekanntes Original darstellen, aber die sind ja leider ausgestorben. Also mußte ich zum Behelf greifen.

Zuletzt drückte mir jedoch mein Freund Zufall den besagten Kopf in die Hand, indem er mir noch zuflüsterte: "Es merkt ja keiner, daß der von sonstwo stammt, häng ihn nur hin." Und ich tats. Kaum aber hing das Bild droben an der Wand, da stand auch schon einer davor und sagte: "Das ist doch der Lowehüser Geigenheinerich!" "Wie er leibt und lebt!" bestätigte ein Zweiter, und ein dritter erzählte unter anderen Anekdoten, daß der Geigenheinrich früher in Gensungen oft zu ihm gekommen sei und sein Honorar mit der Erklärung erhoben habe: "Ich wollte die Zinsen abholen, das Kapital kann stehenbleiben."

So hatte sich mein Freund Zufall erst nach zehn Jahren zu erkennen gegeben und dem Geigenheinerich von Lobenhausen einen Platz angewiesen, wie er ihn sich nicht schöner wünschen kann.

Sein Siegel aber setzte mein Freund auch noch unter das Erlebnis, denn als ich mich bei dem Gasthalter der Heiligenbergraststätte erkundigte, wie denn der Geigenheinrich eigentlich mit seinem Familiennamen heiße, da sagte er: "Der Geigenheinrich?Der heißt genau wie ich - : Landgrebe."

Karl Heinz Hill


Dieser Beitrag wurde eingestellt von: Carolin Sohl

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